Dienstag, 15. April 2014

Lebenswerk

Nun also auf dem Schiff.
Kein Grund zur Trauer,
nur Tatsache,
dass man sich nicht wieder träfe.
Gäbe es nach der Trennung
vom zerstörbaren Körper
noch Modi des Fortbestandes,
so sei nicht ausgemacht, dass
wir uns der Maskierungen erinnern.

Nun also auf dem Schiff,
unterwegs zu einem Ufer,
an dessen Wirklichkeit,
den Behauptungen der Bücher,
der Fahrpläne,
der eigenen Fahrkarte zum Trotz,
man doch nicht glauben könne.

Nun also auf dem Schiff;
nach einem Leben,
das diesen Namen kaum verdiene,
hier gewesen, ohne zu wissen warum,
ertragen, weil man es musste,
manchmal Gedichte schreibend,
von denen einige das Los gehabt haben,
Gefallen zu finden,
nun allen wünschend,
dass sie von Traurigkeit verschont blieben.
Das sei schon viel.
Eigentlich alles.

Montag, 7. April 2014

Dichterverzeichnis


Altenberg, ein Leben lang unfähig zur Arbeit,
gelangt aus Alkoholentzugs- und Nervenheilanstalten
direkt auf den Wiener Zentralfriedhof,
Boldt schreibt keine Zeile mehr mit vierunddreißig,
beginnt ein Studium der Medizin,
erliegt den Folgen einer Operation,
ungeklärt der Tod von Paul Celan,
wahrscheinlich ist sein Freitod in der Seine,
Dante rafft die Malaria dahin,
Engelke stirbt in einem englischen Feldlazarett,
einen Monat bevor ein paar Unterschriften
den ersten Weltkrieg beenden,
Fabers von Tieren angefressene Leiche
wird von Eskimos gefunden
am großen Slavensee,
Glauser, entmündigt wegen
liederlichem und ausschweifendem Lebenswandel,
immer wieder in Kliniken und Anstalten interniert,
kann dem Morphin nicht entkommen,
Hemingway erschießt sich auf Cuba,
Ibykos, auf der Fahrt zu den Isthmischen Spielen
von Räubern ermordet,
liefert immerhin den Stoff für eine Ballade,
nach Moskau zurückgekehrt,
stirbt Jasykow daselbst,
an unheilbarer schmerzlicher Krankheit,
die ihn sich religiösen Stoffen zuwenden ließ,
jedoch nicht näher bezeichnet wird,
Kleist erschießt sich in Berlin,
Lenz, Jacob Michael Reinhold,
tot aufgefunden in einer Moskauer Strasse,
liegt an unbekanntem Ort vergraben,
Klaus Mann vergiftet sich in Cannes,
Nerval erhängt sich an einem Wintertag
an einer Straßenlaterne in Paris,
Joe Orton, Beschmutzer von Bibliothekseigentum,
von seinem Lebensgefährten aus Neid erschlagen,
schreibt insgesamt drei Jahre für die Bühne,
Pavese schluckt Barbiturate in Turin,
Quental (bis heut nicht übersetzt)
verübt den Selbstmord auf San Miguel,
Roth säuft sich zu Tode im Armenhospital,
Stifter kommt der Leberzirrhose zuvor,
öffnet sich die Halsschlagader,
stirbt zwei Tage lang,
Toller erhängt sich in einem Hotel am Central Park,
den Strick schon jahrelang im Koffer,
Ungar stirbt an Blinddarmentzündung in Prag,
sechsunddreißig Jahre alt,
homoerotische Romane hinterlassend,
Veli Kanık, gefeierter Erneuerer türkischer Poesie,
stürzt in eine Baugrube,
Virginia Woolf geht in Sussex in den Fluss,
mit Steinen im Mantel, Gift im Schrank
und Benzin in der Garage,
Xhaferri flieht von Albanien in die Staaten,
kämpft für die freie Meinungsäußerung,
stirbt nach einer Tumoroperation in Chicago,
Charlotte Mary Yonge schreibt
im Viktorianischen Zeitalter
über 200 christliche Werke,
verlässt ihr Leben lang nie den Heimatort
stirbt friedlich in ihrem Bett,
Zweig nimmt Veronal in seinem Haus
bei Rio de Janeiro.

Von der Bedrohung durch die Sinnlichkeit


Ab und zu
ein sinnloses Losstürmen des Blutes,
nichts Spektakuläres,
im Ergebnis nur Leid, Sehnsucht,
unstillbarer Nachdurst
und auf der Zunge
Geschmack von Lumumba
und Meerrettich auch.
   Die Ärzte empfehlen
gesunde Ernährung,
den Alkohol meiden,
kalt Duschen, viel Schlaf.
Entsagung und Buße
und zur Belohnung:
Ein langes Leben
herumzubekommen.